Ein mit allen Essenzen, auch den politischen, durch- tränkter Hausmeister und dessen Frau spielen und heucheln sich allabendlich vor, es im Beruf und der Kunst des Singens weit gebracht zu haben. In einer ununterbrochenen Folge grotesker Witze und abstru- ser Phantasmagorien verbeißen sie sich, streit- süchtig und aggressiv, von einer Lüge zur anderen. Durch Überheblichkeit und Unwahrheit miteinander verstrickt und verschworen, letztlich ohne Persön- lichkeit und darum auch in stetigem Rollentausch begriffen, steigern sie sich in die Verdammung einer mittelmäßigen Schlagersängerin, die sie sich dann auch gefügig machen und wie ein Tier herumkom- mandieren. Diese Sängerin Canotti wird schließlich durch diese Projektion zu einem grunzenden Ferkel. Die zwei bösartigen Exemplare von Hauswärtern

zeigen, wie durch Scharlatanismus das Faschistoide formuliert und realisiert wird. Obwohl durch Elemente der Satire und Groteske erzeugt, bleibt kein Zweifel am Wirklichkeitsbezug dieses Hörspiels.

Auszug aus dem Typoskript

Personen: Abwartsfrau - mit krebserregendem Sopran; Abwart - mit schlangenbeschwörendem Bariton; Canotti - eine grunzende Sängerin; Bässe
Gegenstände: Cigaretten; eine Damenbrille; Schnapsflaschen und Schnapsgläser; zwei Stühle und ein Tisch; eine Ottomane; Lippenstiftstummel; vier Habsburgerlanzen; das Plaid von Dr. Martin Luther; Topfflanzen; ein Flaschenreiniger; die Keuschheitsgürtel der Welt und der Triumphgürtel; Kaiserroben, Wämse, Schleppen; die Schafspelzunterhose von Wilhelm Tell; die Windeln von Marie-Antoinette; Besen und Feglappen; Deckenschwämme; ein

Sicherungskasten; ein Schminktischchen; ein Glas mit eingeätzter Gazelle; ein Betstuhl; eine Zimmertoilette; eine dreifältige Psyche; Bodenspiegel; ein Thron aus Papiermaché; eine feuchte Wand; ein einbeiniger Melkschemel; Fenster und Türen.

Abwart: Warum stehst nicht Du auf? Du kannst nicht mehr, so besoffen bist Du! Hältst Dich da an der Tischkante wie an den Rudern einer Jolle fest. Dir schwimmt’s vor den Augen, Frau! (Krächzt) Mensch, wie haben die Dich abgefüllt!
Abwartsfrau: Du hast mich abgefüllt! Du und die Canotti, der Du alles erzählt hast. Gib’s zu, die Canotti hat am Nachmittag mit Dir getrunken, was?
Abwart: Die Canotti? Das ist albern. Mit der spreche ich kein Wort mehr, seit ich sie in der Volkstonhalle gehört habe.
Abwartsfrau: Das glaube ich Dir sofort. Sie singt miserabel. Aber nur sie trägt dieses ordninäre Lippenrouge auf und sonst niemand von den anderen Sängerinnen hier.

Abwart: Das ist nicht wahr. Du selbst hast ge- nau die gleiche Farbe.
Abwartsfrau: Die gleiche Farbe? Fällt Dir der Unter- schied zwischen meinem Rouge und dem billigen Rot der Canotti nicht mehr auf?
Abwart: Laß mich in Ruhe damit! Ich kenne Dein Rot, und ich erinnere mich ganz genau an das Rouge der Canotti. Du benutzt einfach die Lip- penstiftstummel unserer Madame. Aus ihrem Pa-

pierkorb fischst Du sie, jawohl. Übrigens, die Canotti, die sang in San Remo, die hat Karriere gemacht, das sage ich Dir, habe ich immer schon vorausge- sagt, das sieht man ihr an. Aber zu was erzähle ich Dir das? Du begreifst es ja nicht.
Abwartsfrau: Ich begreife alles. (Pause) Nun hör aber endlich damit auf! Was gießt Du immer die Gläser voll?
Abwart: Du säufst ja für zwei. Gib Deine Flasche aus der Hand, sie ist schon wieder leer..

Abwartsfrau: Meine Flasche? Das ist die Flasche der Canotti. Hat sie uns diesen Schnaps nicht von irgendwo aus Italien zugeschickt?
Abwart: Aber doch nicht diese Flasche Schnaps. Das ist Herrschaftsschnaps, Frau!
Abwartsfrau: Die Bässe trinken den gleichen.
Abwart: Nur die Herrschaft und wir

trinken diesen Schnaps.
Abwartsfrau: Wir trinken vom Stehengelassenen, hab ich recht? Ja?
Abwart: Wir sind eben ihre Diener, Frau. Ihre ehemaligen Blockwärter. Die Bässe könnten sich diesen Schnaps doch gar nicht leisten.
Abwartsfrau: Der Schnaps ist billig.
Abwart: Da hast Du recht. Er ist wirklich billig. Er ist verschnitten.
Abwartsfrau: Endlich gibst Du es zu.
Abwart: Schmeckt er Dir, wie?
Abwartsfrau: Schmeckt er Dir etwa nicht? Schon am ersten Tag, als die Lieferung ankam, hast Du angefangen, die italienischen Schnapsflaschen zu öffnen und heimlich daraus zu trinken.
Abwart: Also, das kannst ausgerechnet Du nicht behaupten. Die Herrschaft schätzt mich viel zu sehr.

Meinen Schnaps lasse ich mir schenken. Ich bin sechs Jahre Blockwart gewesen, und unsere Herrschaft hat mir schon damals die eine und andere Flasche italienischen Schnaps geschenkt.
Abwartsfrau: Da hast Du recht. Du warst zu unserer Herrschaft immer sehr nett. Das hat sich bezahlt gemacht. Jetzt sind wir ihre Abwartsleute.

Abwart: Trinken vom stehengelassenen Schnaps unserer Herrschaft, wie das alle Wärter tun.
Abwartsfrau: Fritz, vergiß Dich nicht! Ich sag es Dir, Fritz: Du bist ein Sänger! Ein Sänger - Fritz! Und doch nicht bloß ein Abwart!
Abwart: Laß mich, das war doch nur so nebenher gemeint. Besinn Dich lieber auf die große Theorie, auf ihre Namen und auf die Anzahl. Sag sie schön auf, die Reihen- folge.
Abwartsfrau: Die Reihenfolge, ich? Du kennst sie doch. Aber bitte: Der kurze,

lange und überlange Ton; die Schreibpapier-, Schwarztintenweis’; der rote, blaue und grüne Ton; die Hageblüh-, Strohhalm-, Fengelweis’; der zarte, der süße, der Rosenton; der kurzen Liebe, der vergeßne Ton; die Rosmarin-, Gelb- veigleinweis’; die Regenbogen-, die Nachtigallweis’; die englische Zinn-, die Zimtröhrenweis’; frisch Pomeranzen-, grün Lindenblühweis; die Frösch-, die Kälber-, die Stieglitzweis’; die abgeschiedne Vielfraßweis’; der Lerchen-, der Schnecken-, der Beller-Ton; die Melissenblümlein-; die Meiranweis’; Gelb- löwenhaut-, treu Pelikanweis’ und die buttglänzende Drahtweis’!
Abwart: Was soll das, sag?
Abwartsfrau: Erinnerst Du Dich nicht? Das ist die Schlagertheorie.

Lügensänger
Das Fernsehspiel

Hauswart: Emanuel Schmied. Hauswartsfrau: Julia Gschnitzer
Primadonna Canotti: Fritz Goblirsch

Regie: Franz Novotny
Produktion: ORF 1973

Abwart: Du bist eine ehrlose Auf- und Abwartefrau!
Abwartsfrau: Und Du hast keine Ehre im Leib, das ist es. Du schlichtest nun schon seit fünfzehn Jahren eine italienische Flasche um die andere an der feuchten Wand hoch, und ich sage Dir immer, daß das nur mit dem Abort der Canotti zu tun hat. Ich verstehe Dich nicht. Warum steigst Du nicht mal auf die Schüssel in ihrer Wohnung und reparierst ihr den Schwimmer, damit das Trop- fen endlich aufhört? Wie die Wand in unserer Stube einmal aussah, weiß ich schon bald nicht mehr! Lauter Flaschen, in acht Schichten hintereinander ge- legt! Wenn’s da mal einen Kurzschluß geben sollte, dann sind wir blöd dran. Das Kästchen mit den Sicherungen ist nicht mehr zu sehen. Nichts in diesem

Zimmer ist so, wie es sich gehört! Alles ist ver- stellt, verquert, verbarrikadiert! Und es war mein Zimmer, Fritz, der Wohn- und Abstellraum unse- rer Abwartswohnung, ein Durchgangsraum für die Bässe unserer Herrschaft. Mein Putzraum, mein Feglappengewölbe, meine Besenkammer. In die- sem Zimmer dürften höchstens ein paar Topfpflan- zen auf dem Fensterbord, ein Tisch und zwei Stühle in der Mitte und an der Wand die Ottomane stehen. Aber was hast Du nicht alles hineinge- stellt, Mann? Einen Thron aus papier maché, einen Flaschenreiniger, auf dem die Nachbildungen der berühmtesten Keuschheitsgürtel der Welt hängen, vier dicke Habsburgerlanzen, von Wand zu Wand gespannt, und ausgerechnet vor der Fensterfront! Da hängen sie nun, Deine Kaiserroben, die

schwarzen Wämser und Schleppen und verschlucken das Licht. Ein Glück,

daß die Windeln von Marie-antoinette, gut in die Schafspelzunterhose von Wilhelm Tell eingewickelt, keinen Schaden leiden. dort hängt ja das Plaid, von dem Du sagst, Luther habe es beim Anblick der Bücherverbrennung völlig durchgeschwitzt, so daß es braun wur- de. Das war das teuerste Stück, hast Du mir gesagt, und nachdem Du es erganten konn- test, hatten wir 14 Tage lang kein Bargeld mehr! Erinnerst Du Dich nicht? Das braune Plaid haben wir uns vom Mund abgespart. Wir hatten nichts mehr zu essen, bloß Schwäm- me kamen noch auf den Tisch.
Abwart: An die Decke, willst Du sagen, wie?
Abwartsfrau: Die Akustik hat sich aber we- sentlich verbessert, das gibst Du doch zu?
Abwart: Es war Dein Einfall, Frau.

Abwartsfrau: Du hast ihn ausgeführt, aber es war mein Einfall, da hast Du recht.
Abwart: die Wirkung ist maximal, nicht wahr?
Abwartsfrau: Nur wenn alle Flaschen verkorkt sind. Nur dann. Du läßt sie aber offen, weil es Dir zu viel Arbeit macht. Der Deckeneffekt ist nur für meinen Gesang geeignet, Mann!
Abwart: Und der Flascheneffekt nur für den meinigen!
Abwartsfrau: Früher hatten wir einmal alles noch gemeinsam. Heute hast du die Flaschen und ich die Schwämme.
Abwart: Ja, hast ja recht.
Abwartsfrau: Natürlich habe ich recht. Du bist aber im Unrecht, Mann, wenn Du etwa glauben solltest, der Flascheneffekt gehe mich nichts an. Aus diesen Herrschaftsflaschen tranken wir gemeinsam.
Abwart: Und die Schwämme sammelten wir gemeinsam.

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Lügensänger
Hörspiel von Robert Stauffer
Hörprobe: 1 Ausschnitt
Gesamtdauer: 03:45
© 1971 ORF, Landesstudio Tirol / Autor
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