Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren erschienen, weil die Verstorbene eines großen Ruhms unter ihnen genoß, der, zum Teil verjährt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte. Endlich wurden die Hände glätter und weicher, das jüngste Geschlecht zog vorüber, und ich war schon ganz mürbe und müde, als meine Basen herzutraten, mir aufmunternd und freundlich die Hand reichten, und gleich hinter ihnen, wie ein Himmelsbote, die allerliebste Anna, welche, blaß und aufgeregt, mir flüchtig das Händchen reichte...
Gottfried Keller

Auszug aus dem Typoskript

Raumtonrichtungen sind »rechts« und »links« --- Stereofonie.
Die Sätze und Satzstücke des Leichenschmäuslerparts sollen in einem wienerischen Idiom - etwa dem von Ottakring, Hernals oder Favoriten - gesprochen werden, untermischt mit den Geräuschen, wie sie in einem einfachen Gasthaus in Wien bei einem Traueressen aufkommen.
Die Stimme, die als Leersatz »Apfelbaum mit Brille« (»Apfelbaum mit Brüllen«) sagt, gehört einem an Enzephalitis erkrankten jüngeren Wiener. Dieser Enzephalitiker, der sich beim Lesen schwer tut, liest den anonymen Brief aus Kaiserslautern vor sich hin, aus der Raumtonrichtung rechts, die aber zum monauralen Effekt einer angenommenen Mitte gestaltet werden kann.
Die ausgewählten Passagen aus dem Kapitel »Totentanz« von Gottfried Kellers Roman »Der grüne Heinrich« sollen so spröde, wie in der Schweiz Schriftdeutsch gesprochen wird, vorgelesen werden, aus der Raumtonrichtung links, die aber zum monauralen Effekt einer angenommenen Mitte gestaltet werden kann.


Background: Gasthaus und Eßgeräusche


links                                                 rechts

Frauenstimme A: ...auch wenn
der sei ganzes Leben nur a
Grünzeug gessen hätt,

Männerstimme A: Waast, einmol
kummt ja dä Sensenmann a
zu uns.

                                                       Frauenstimme B: Hams Würschteln mit
                                                       an Saft?

Frauenstimme C: ...aussegschrien
hams, aus em Fenster ausse.

                                                       Männerstimme B: Geh, du Schweindi,
                                                       derfang di doch, spucks ausse.

Frauenstimme D: Parten hams nid
verschickt, die neidigen Schwestern.

Männerstimme C: Zu was denn?

                                                       Frauenstimme E: Gehns, des werd mer
                                                       doch noch sagen dirfen, Schwestern
                                                       sans, schwule Schwestern.

Frauenstimme F: Versteht ihr des?

Männerstimme C: Ih verstehs eh
bei die Preisen von der Post.

                                                       Männerstimme D: Kannsts beißen, Olte?

                                                       Frauenstimme G: Und geschrien hams,
                                                       bis in der Frueh hams aussegruefen.

Frauenstimme C: Was hams denn
eigentlich geschrien?

Enzephalitiker:  Apfelbaum mit Brüllen.

Enzephalitiker: Kaiserslautern, den 2. Mai 1941.
Liebes Schwesterlein! Nimm vorallem meinen innigsten Dank für Dein liebes Schreiben entgegen das ich heute mit vieler Freude erhielt wie ich daraus ersehe ist Deine an mir gross doch braucht Deine Besorgnis nich so gross sein

geht es mir doch schon wieder besser das sind so plötzlich auftauchende Schmerzen die wieder vergehen dürften meines Erachtens von den Nerven her sind es wäre ja auch kein Wunder denn seitdem ich die Werkstätte übernom- men habe ich keine ruhige Stunden nicht mehr dass ich mich davor fürchten würde aber da geht es zu wie in einem Taubenhause kaum dass einem Zeit für seine privaten Sachen übrigbleibt früher schon haute ich um vier Uhr ab und jetzt sitze ich oft noch um sechs hier und all das kann mir aber nichts anhaben

mittags gehe ich immer essen Nachhause wo Pepi schon mit einem frugalen Menü meiner wartet denn wie Du schon aus dem Brief von Muttern ersehen haben wirst ist hier das Leben viel besser und billiger wie bei uns in Wien dies der Fall ist denn Gemüse und Fische sind frei zu haben auch wohnt da im Obergeschoss eine Frau deren Mann in Frankreich in der Küche ist sodass sie uns ihre Marken überlässt und wir an Fleisch

keinen Mangel haben nur das Wetter sollte schon einigermassen besser sein für den ersten Mai hatte ich einen schönen Ausflug vorbereitet der leider ins Wasser fallen musste denn ich bin überzeugt dass es Dir hier auch gefallen würde...

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Die Leichenschmäusler
Hörspiel von Robert Stauffer
Hörprobe: 1 Ausschnitt
Gesamtdauer: 03:22 Stereo
© 1975 ORF / Autor
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