Leben II

Schwärmen die flatternden Räuber
hoch über der Stadt,
hängen Trauben - quellkühle -
schwellend im Garten:

dann springt der Sturzbach
aus tausend Metern
jauchzend zurück,
schwebt die Forelle
auf singender Gischt.

Dom

Wenn sich der Dom erhebt
zu einem Ungeheuer,
gewaltig groß und schwarz,
schaukelt die Madonna
ihr Jesuskind in
einen weichen, warmen Schlaf.

Aus dunklen Nischen flüstern
die frommen Mägde leis’,
und von den hohen Pfeilern,
auf denen Wache stehn:
Bischof, Mönch und Bettler,
rinnt heimlich dünner Sand.

Aus finsteren Gemälden,
die nie der Tag erhellt,
bricht milder, matter Schein,
und in dem Wasserbecken
spiegelt sich, leise zitternd,
ein heiliges Gesicht.

Gesalbte Häupter neigen
sich müde an die Wand
und beten durch das Dunkel,
wenn sich der Dom erhebt
zu einem Ungeheuer,
gewaltig groß und schwarz.

x

 

Drillinge

Zwillinge aus Oswiecim-Brzezinka,
zusammengenäht vom Doktor M.,
um zu sehen, wie der Kreislauf
zweier Herzen funktioniert.
Im Block haben die Eltern
die Kinder erstickt.

Zwillinge aus Oswiecim-Brzezinka,
ein Mädchen und ein Bube:
Deine Schwester, mein Bruder,
Zwillinge, die uns fehlen,
von den Desinfektoren
ins Brausebad geschickt;
Zyklon B der Firma Degesch,
Ofenhersteller Topf & Söhne, Erfurt.

Lee Miller hat für Vogue photographiert:
Zwei KZ-Aufseher nach der Befreiung
auf der Flucht, selber fast noch Kinder,
werden ins Lager zurückgebracht,
an ihren früheren Arbeitsplatz.
Einer hat schon gekellnert,
der andere fand Kürschnerarbeit.
Sie wurden in die Marterzelle geworfen,
getreten, geschlagen, beschimpft.

Ich habe deutsche Freunde
und sah in Oswiecim und Brzezinka
in die erloschenen Augen Sodoms.
Wie Lots Weib blicke ich zurück
nach Deutschland und erstarre
zur Salzsäule, während sich Lot rettet.
Für die Zwillinge aus Oswiecim-Brzezinka
findet der Oktoberaufstand täglich statt.


(Nach der Photographie von Lee Miller:
"KZ-Aufseher nach der Befreiung des
Lagers Buchenwald 1945")
 

Insekten

Stechmücken böser Erinnerung
kriechen über mein Bett,
schlaufen unter das Kissen,
nisten sich sommerlich ein.
Abgewehrter Schwärme Stiche
zähle ich morgens auf dem Teppich;
wenn in der Nacht sie wiederkommen
- verspäteter Sippenbesuch -,
bleibt ihr blöder Stachel blind.

Aber der Mitreisende im Schweizerwaggon,
chemisch behandelt und bestens gepflegt,
längere Zeit an einer Kordel gehangen,
im Westbahnhof sogar spazierengegangen,
hat sich nach der Grenze verdächtig geregt
und sich sechzigmal an mir festgebissen.

Tedeum der simplen Landplage
in armen Pfarrhausbetten,
Tedeum den Vorortbussen
mit Nachtfaltern und Fliegen,
Tedeum den grasgrünen Mücken,
Ohrenschlaufern und Läusen,
Hunde-, Katzen- und Menschenflöhen,
Tedeum jedem Ungeziefer,
aber Requiem in alle Verdammnis
der frechen Wanze vom Kurswagen
Paris-Budapest-Bukarest

 Die hier versammelten Gedichte aus Dom sind, bis auf »Drillinge«, in den 60er Jahren entstanden.

Jede Tür hat ihr Schloß

Dem hast du vorzubeugen:
daß nicht dein Nachbar
in dir sein Leid und Ungenügen
öffentlich verachtet.
Sein leises Jammern,
sein Bedauern täuscht.
Der leichte Anflug Schadenfreud’
in seinem Aug’ sticht mehr,
als wenn er gleich mit Waffen
oder - böser noch - mit stummem Gang
dein Haus bedrohte.
Dem hast du vorzubeugen.